Das Bedürfnis des Menschen zu glauben

Der Mensch ist von Natur aus außerordentlich schwach. Vieles berührt ihn, macht ihn traurig und bekümmert ihn. Des Weiteren sind seine Unglücke und Sorgen überaus zahlreich. Außerdem ist er extrem bedürftig und dennoch sind seine Bedürfnisse sehr vielfältig. Ferner ist er bequem und unzulänglich; doch die Verantwortung des Lebens liegen ihm schwer auf den Schultern.

Durch sein Mitgefühl hat er eine Verbindung zum gesamten Universum. Doch die Trennung vom Diesseits und das Verschwinden von Dingen, die er liebt und mit denen er verbunden ist, verleiht ihm dauerhaft schmerzen. Auch seine Vernunft zeigt ihm erhabene Ziele und bleibende Früchte, doch sein Leben ist kurz, seine Macht beschränkt und die Geduld gering. Der Mensch hat tausende von Sehnsüchten, die sich bis in die Ewigkeit erstrecken und in der ganzen Welt verbreitet sind.

Said Nursi bringt diese Sehnsucht wie folgt prägnant zum Ausdruck:

„Der Mensch ist auf die meisten Arten der Schöpfung angewiesen und steht in einer Beziehung zu ihnen. Seine Bedürfnisse erstrecken sich bis an aller Welt Enden, und seine Sehnsüchte reichen bis in die Ewigkeit. So wie er sich eine Blume wünscht, so wünscht er sich auch einen weltweiten Frühling. Und so wie er nach einem Garten verlangt, so verlangt er auch nach dem Paradies. So wie er sich danach sehnt, einem Freund zu begegnen, so sehnt er sich auch danach, der Schönheit und Größe (Gottes) zu begegnen. So wie der, welcher seinen Freund in einem anderen Ort besuchen will, die Tore dieses Ortes öffnen muss, so muss er, um neunundneunzig Prozent seiner Freunde zu besuchen, die ins Zwischenreich übergesiedelt sind, um sich vor ewiger Trennung zu retten, seine Zuflucht nehmen zum Throne der unendlichen Allmacht (Gottes), welche die Pforte zur ungeheuren Welt schließt und das Tor zum Jenseits, das ein wundervoller Versammlungsort ist, öffnet, welche diese Welt aufheben und statt ihrer das Jenseits begründen und erbauen wird.”1

Das 21. Jahrhundert ist ein Jahrhundert, in dem der Mensch über eine Vielzahl an technischen Hilfsmitteln besitzt. Heutzutage kann sich der Mensch auf Reisen genauso bequem bewegen wie Zuhause. Jedoch wird mit diesem Fortschritt zugleich auch die Vernachlässigung der spirituellen Aspekte des Menschen sichtbar.

Der Mensch sucht in der Moderne zumeist in den materiellen Dingen seine Zufriedenheit und Glückseligkeit. Er hat die Überzeugung, dass er glücklicher sein würde, wenn er sein materielles Verlangen und seine Wünsche befriedigt. Der Mensch geht seinen körperlichen Bedürfnissen nach, jedoch schenkt er seiner schreienden Seele keine Beachtung. Der moderne Mensch und die moderne Gesellschaft, die zwar im Materiellen sehr fortgestritten sind, kränkeln jedoch im Spirituellen.

Die Gotteserkenntnis, die Kraft und Nahrung für den menschlichen Geist und für das Herz ist, wurde ihm beraubt. Der Verlust sowie der Mangel des Spirituellen und von ethisch-moralischen Werten, die sich aus dem Glauben speisen, haben Verwirrungen und Irrungen in der Menschheit ausgelöst. Dieser Verlust verursachte eine große Leere sowohl bei Einzelpersonen als auch in Gemeinschaften.

Ab dem 19. Jahrhundert begann die Technologie das Leben der Menschen zu durchdringen. Die materialistisch-hedonistische Philosophie überschattete den Glauben und die Menschen begannen, Gott in Frage zu stellen. Alles wurde in der Materie – in der Welt, die man sehen und anfassen kann – gesucht. Nur die bloße Betrachtung mit den Augen galt als Beweis. Die Augen jedoch sind für das Metaphysische bzw. Transzendente blind.

Der Glaube und die Werte, die die Religion als heilig schätzt, wurde vom aggressiven Atheismus unter dem Deckmantel der Wissenschaft angegriffen. Somit wurde die religiöse Deutung vom Dasein weggedrängt. Die Standpunkte der Religion wurden durch die materialistisch-hedonistische Weltanschauung nicht akzeptiert und als unwissenschaftlich und unwahr bezeichnet. Dabei liegt die Glückseligkeit im Glauben.

 

  1. Nursi: Worte (o. J.), S. 556.