Die Erde ist eine Kunstgalerie und alles ist ein Kunstwerk

Die schönsten Namen Gottes
Alle kosmischen und koranischen Verse (āyāt) Gottes bezeigen, dass dieses Universum samt seiner Arten und Daseinsformen die Spiegel der Reflexionen der Eigenschaften Gottes sind.1 Jedes Zeichen, sei es göttlich erschaffen oder gesprochen ist ein Hinweis auf Gott, in dem sich Seine Namen manifestieren. Jedes Zeichen ist ein Spiegel, welches Seine Attribute reflektieren. Diese Reflektionen oder Manifestationen sind nur durch die Brille des Glaubens sichtbar und mittels der „Sprache der Gottesnamen“ (al-asmā al-ḥusnā) lesbar.

Alles ist im Kosmos ein kostbarer Brief
Das Universum ist ein Buch, in welches sein Autor die Geschöpfe als Buchstaben hineingeschrieben hat. Jedes einzelne Sein in diesem Kosmos ist ein kostbarer Brief oder eine Botschaft Gottes, in denen die göttlichen Namen und Attribute zu lesen sind. Nursi fordert die Aufmerksamkeit des Lesers wie folgt auf:


„Gib Acht auf die Zeilen des Kosmos, denn sie sind von (…) [Gott] an dich ein Brief.“2

Der Autor erwähnt, dass der Koran an die Menschen appelliert und sie auffordert, den Verstand zu benutzen um über die Zeichen Gottes nachzusinnen.3 Dazu sagt er in seinem Werk Muhâkemat4:

»Ist es nicht offensichtlich, dass in vielen Anfängen und Enden seiner Verse der Koran die Menschheit auffordert sich ihrem Gewissen zuzuwenden und mit ihrer Vernunft zu beraten.

Der Koran sagt5:

„Schauen sie nicht“6, „Schaut hin“7, „denken sie überhaupt nicht nach“8, „denkt nach“9, „sie sind sich nicht bewusst“10, „benutzt euren Verstand“11 und „sie verstehen nicht, in dem sie ihren Verstand benutzen“.12


Ich sage auch: „Zieht eine Lehre daraus, o ihr Einsichtigen.“13 «14


Die Welt ist eine Kunstgalerie Gottes
Diese Welt ist eine Messe, eine Ausstellung, eine Kunstgalerie und ein Museum der wunderbarsten Kunstwerke Gottes, welche den Menschen zum Studium der Briefe bzw. Bekanntmachungen des königlichen Baumeisters einlädt. Somit ist alles was existiert ein Lehrstoff und Studienmaterial, welche uns den Schöpfer lehrt.15

„Tatsächlich sieht jeder Gast, der in das Königreich, das Gasthaus kommt, das diese Welt ist, wenn er seine Augen öffnet, dass sich ihm als erstes das schöne Antlitz des Himmels zeigt, wie es mit goldener Leuchtschrift gezeichnet ist und er wird überaus neugierig, den Herrn dieses schönen Gasthauses, den Verfasser dieses großen Buches, den König dieses großartigen Reiches kennen zu lernen, jener Herberge, in der man so ganz besonders freigiebig ist, dieser Ausstellung, in der man so ungewöhnliche Kunstwerke zeigt, jenes Heerlager, wo man solche Pracht entfaltet, dieses Ausflugsortes und Freilichttheaters, das ein solches Erstaunen erregt und eine solche Begeisterung hervorruft und jener bedeutungsvollen Bibliothek, die so viel Weisheit in sich gesammelt hat.“16


„[Alles Existierende] ein Zeugnis göttlichen Wissens (…), dessen Spuren in der Ordnung alles Geschaffenen sichtbar werden (…) [und sind] Belege, welche die Macht [Gottes] beweisen, die im All herrscht, (…) [und sind] Zeugnisse, welche auf einen Wunsch und Willen hinweisen, welcher über alle Ordnung und Anordnung verfügt (…) [und sind] Beweise (…) für die sieben göttlichen Attribute.“17

Gesetzbücher Gottes
Aus den zwei göttlichen Attributen „der Sprechende“ und „der Allmächtige“ ergeben sich zwei göttliche Gesetzgebungen (šarī‘a).
Erstens: Die bekannte Scharia, welche die Handlungen der Menschen, die sie durch ihre Willenskraft tätigen in der Regel durch rational ergründbare Normen regelt.
Zweitens: Die natürliche Scharia (šarī῾a al-fiṭriyya), die aus den Resultaten aller geltenden Normen und Gesetzen (Naturgesetze) Gottes besteht.
Sowie eine Befolgung oder Auflehnung gegenüber der ersten Scharia gibt, gibt es dies auch bezüglich der zweiten Scharia. Beim ersten erfolgt die Belohnung oder Strafe meistens im Jenseits und beim zweiten im weltlichen Leben. Wer beispielsweise faul ist und die„ontologischen Befehle“ (‘amr at-takwīnī) nicht befolgt, wird mit Erfolglosigkeit auf der Welt bestraft.18

 

Das kosmische Buch
Das Universum ist ein Buch in dem alles was existiert ein Kunstwerk Gottes ist. Diese kunstfertigen Werke sind die verkörperten Worte des Schöpfers, die Ihn bekannt geben. Somit wird das Universum zu einem verkörperten Koran, mit dessen Verse bzw. Zeichen (āyāt) Gott charakterisiert und auf Ihn hingewiesen wird.19


Auf jeder Seite des kosmischen Buches sind hunderte Bücher geschrieben.20 „Jede Zeile beinhaltet Hunderte von Seiten. Und jedes Wort enthält Hunderte von Zeilen.“21 In jedes Wort wurde mit einer winzigen Feder ein Buch hineingeschrieben und in jeden Buchstaben mit einem feinen Stift eine vollendete Dichtung.22
„Jeder Buchstabe beinhaltet Hunderte von Wörtern. Mit jedem Punkt findet sich gleichsam ein kleines Inhaltsverzeichnis dieses Buches. (…) Die Erdoberfläche [ist] eine Seite dieses großen Buches.


Man sieht mit eigenen Augen, dass auf dieser Seite entsprechend der Anzahl der Pflanzenarten und Tiergattungen im Frühling ebenso viele Bücher ineinander und nebeneinander geschrieben wurden, gleichzeitig, fehlerfrei, in makelloser Vollkommenheit. Auf dieser Seite gleicht jede Zeile einem Garten. Wir können mit eigenen Augen erkennen, dass darin so viele Kassiden (Gedichte) geschrieben wurden, wie es in diesem Garten Blumen, Bäume und andere Pflanzen gibt, ineinander, nebeneinander, fehlerfrei. Ein Wort in dieser Zeile gleicht einem Baum, der Blätter treibt, um Blüten und Früchte hervorbringen zu können. (…) Wie ein jeder Baum, der Blüten trägt, so ist auch dieser Baum eine Kasside, durch die er die Lobpreisungen seines Designers singt.“23

Die Atome sind die Tinte oder Punkte, die aus der Feder der göttlichen Macht hervortreten und mit dem das Buch des Kosmos in jedem Augenblick gemalt wird.24 Sowie ein Zeichentrickfilm zustande kommt, in dem die einzeln gezeichneten Bilder aneinandergereiht werden, so besteht auch der Film des Lebens, womit das Dasein in allen Tempora, das gesamte Leben in der Existenz, die gesamten Umwandlungen und Bewegungen im Kosmos gemeint sind, aus einzelnen Momenten bzw. Bildern. Diese Bilder werden durch den göttlichen Zeichner ins Dasein gebracht, der in jedem Augenblick am Zeichnen und Wirken ist. Nursi sagt:


„Die Umwandlungen der Teilchen kommen durch Schwingungen und Frequenzen zu Stande, die entstehen, wenn der urewige Designer mit der Feder Seiner Macht die Verse des Seins in das Buch des Kosmos schreibt.“25


Sowie das große Buch des Universums durch seine ontologischen Verse bzw. Zeichen (āyāt at-takwīnī) den Menschen von der Existenz (wuğūd) und Einheit (waḥda) Gottes unterrichtet, so belehrt auch der Koran die Menschen von den ontologischen Versen bzw. Zeichen (āyāt at-takwīnī), die auf den Seiten des Universums und den Blättern der Zeiten mit dem Stift der Allmacht geschrieben wurde.26


Der Koran in Bezug auf das kosmische Buch
Nach Nursi ist der Koran die urewige und endlose (aḏalī) Übersetzung dieses kosmischen Buches, der ewige (abadī) Übersetzer der ontologischen Verse bzw. Zeichen (āyāt at-takwīnī), die er in seinen verschiedenen Sprachen liest und der Exeget dieses Buches der verborgenen und sichtbaren Welt.27 Gemäß Nursi ist der weise Koran der unübertreffliche Exeget und rhetorische Übersetzer dieses gewaltigen kosmischen Korans.28

 

Wunder des gesprochenen und ontologischen Korans

So wie die Verse des Koran unnachahmbar sind und einen Wundercharakter (i῾ğāz) besitzen, so sind auch die Verse des kosmischen Korans Unikate und wundervoll. Der Beweis des Korans, dass die Menschen nicht dazu fähig sind einen vergleichbaren oder ähnlichen koranischen oder kosmischen Vers zustande zu bringen, sind in den folgenden Zitaten dargestellt:


„Und falls ihr über das, was Wir auf Unseren Diener herniedersandten, in Zweifel seid, so bringt eine gleiche Sure hervor und ruft andere Zeugen als Allah an, so ihr wahrhaftig seid. Wenn ihr es jedoch nicht tut – und ihr vermögt es nimmer-, so fürchtet das Feuer, dessen Speise Menschen und (Götzen-)Steine sind, für die Ungläubigen bereitet.“29


„O ihr Menschen! Ein Gleichnis ist für euch geprägt worden; so hört es: Siehe jene, die ihr neben Allah anruft, nie können sie jemals eine Fliege erschaffen, selbst wenn sie sich zusammentun. Und wenn ihnen die Fliege etwas raubte, könnten sie es ihr nicht wegnehmen. Schwach sind der Bittende und der Gebetene.“30


Nursi sagt, dass jeder erschaffene Vers bzw. Zeichen (āyāt at-takwīnī) dieses gewaltigen kosmischen Korans entsprechend der Anzahl seiner Punkte und Buchstaben Wunder bezeigt.31 Er führt weiter fort:


„(…) Um Seine Gottheit und Seine Anbetungswürdigkeit zu zeigen, [hat Gott] diesen Kosmos, gleichsam wie ein [verkörpertes] Buch des Einzigartigen (Samadani) erschaffen (…), in dem eine jede Seite so viele Bedeutungen hat wie ein ganzes Buch und jede Zeile wie in einer ganzen Seite ausgedrückt werden, und gleichsam wie einen [verkörperten] Qur’an des Gepriesenen, in dem jeder Vers (dieses Kosmos), jedes Wort, ja sogar jeder Punkt, jeder Buchstabe je einem Wunder gleich kommt (…).“32

  1. Vgl. Nursi: Mesnevî-i Nuriye (1998), S. 155; Nursi: Al-Mathnawi Al-Nursi (2007), S. 109 f.
  2. Nursi: Briefe (o. J.), S. 537.
  3. Vgl. Nursi: Muhâkemat (2006), S. 50.
  4. In der englischen Übersetzung, Rational Arguments. A Prescription for the Ulema.
  5. Für die Koranstellen in diesem Zitat vgl. Nursi: Muhâkemat (2006), S. 50 f.
  6. Vgl. Koran 88:17.
  7. Vgl. ebenda, 3:137.; 16:36.; 26:69.; 29:20.; 30:42.
  8. Vgl. ebenda, 4:82.; 47:24.
  9. Vgl. ebenda, 34:46.
  10. Vgl. ebenda, 2:9.; 3:69.; 6:26, 123.; 16:2.
  11. Vgl. ebenda, 2:164.; 13:4.; 16:12, 67.; 22:46.; 25:44.; 29:35.; 30:24, 28.; 45:5.
  12. Vgl. ebenda, 2:170, 171.; 5:87, 103.; 8:22.; 10:42, 100.; 29:63.; 39:43.
  13. Vgl. ebenda, 59:2.
  14. Nursi: Muhâkemat (2006), S. 50 f.
  15. Vgl. Nursi: Auferstehung (2007), S. 13, 52.
  16. Nursi: Das große Zeichen (o. J.), S. 16
  17. Nursi: Auferstehung (2007), S. 111.
  18. Vgl. Nursi: İlk Dönem Eserleri (2008), S. 179.; Nursi: Sözler (2004), S. 984
  19. Vgl. Nursi: Şuâlar (2004), S. 200
  20. Vgl. Nursi: Blitze (o. J.), S. 574.
  21. Ebenda
  22. Vgl. Nursi: Auferstehung (2007), S. 23.
  23. Nursi: Blitze (o. J.), S. 574 f.
  24. Vgl. Nursi: Worte (o. J.), S. 998, 1087
  25. Ebenda, S. 985
  26. Vgl. Nursi: Sözler (2004), S. 409.
  27. Vgl. ebenda.
  28. Vgl. Nursi: Sözler (2004), S. 193.; Nursi: Worte (o. J.), S. 231
  29. Koran 2: 23 – 24.
  30. Ebenda, 22:73.
  31. Vgl. Nursi: Lem’alar (2005), S. 567.
  32. Nursi: Strahlen (o. J.), S. 428.