Prophet Hiob bei Nursi

In seinem magnum opus Risale-i Nur wird die Leidproblematik (Theodizee) aus vielen Perspektiven an unterschiedlichen Stellen erörtert. Besonders in seinem Werk Blitze (Lem’âlar) behandelt er viele Aspekte dieser Frage: Krankheit, Unglück, Teufel, das Böse, das Altwerden, Krieg etc. In diesem Buch befindet sich das Traktat (‚Zweiter Blitz‘) über den Propheten Hiob. Diese Abhandlung beginnt mit dem Bittgebet Hiobs, wo es heißt:

„Und (erwähne) Ijob [Hiob], als er zu seinem Herrn rief: «Mich hat Schaden getroffen, und Du bist der Barmherzigste der Barmherzigen“1

Der Text unterteilt sich in fünf Anmerkungen und einem Schlusswort. In seiner Einleitung beschreibt Nursi kurz Hiobs Leidensgeschichte. In der ersten Anmerkung versucht Nursi zu verdeutlichen, dass im Gegensatz zu Hiobs körperlichen Krankheiten der heutige Mensch durch seelische Krankheiten verwundet sei; durch Sünden und Zweifel an Gott seien die Herzen spirituell belastet. In der zweiten Anmerkung erwähnt Nursi drei Gründe, weshalb der Mensch kein Recht hätte, sich über sein Unglück zu beschweren. Die dritte Anmerkung erwähnt die Erde als ein Ort der Prüfung und der Anbetung Gottes; die irdischen Leiden werden am Ende im Jenseits Früchte tragen. Die vierte Anmerkung thematisiert die Geduld im Leiden, als ein Vermögen um das Leben effizient zu nutzen. In der fünften Anmerkung wird das Unglück definiert, die Subjektivität und Relativität des menschlichen Leids schildert. Im Schlusswort wird nochmals der Mensch als ein Ort der Manifestation der Namen Gottes angesehen. Im Folgenden wird der Versuch unternommen diese Abhandlung, unter leidproblematischen Gesichtspunkten systematisch zu erfassen.

 

Materielle und spirituelle Krankheiten: Sünde und Glaubenszweifel

Laut Nursi spielt für den Propheten Hiob materieller Verlust und körperliche Schwäche eine geringe Rolle, solange das spirituelle Zentrum – das Herz – des Menschen nicht von Zweifeln heimgesucht wird. Materielle Krankheit ist ein Indiz für seine Schwäche und diese Eigenschaft kann für den Einzelnen dazu führen, sich Gedanken darüber zu machen, dass er nicht ewig auf dieser Erde verweilt. Einschlägig ist hier, dass die Perspektive des Einzelnen sehr ausschlaggebend ist. Wie sollte man mit solch leidvollen Situationen umgehen? Hier wird die Perspektive auf das Jenseits ausgerichtet. Die Erde ist kein Ort des Vergnügens und Spiels, wie es im Qur’ān explizit hervorgehoben wird:

„Und Wir haben den Himmel und die Erde, und was zwischen ihnen ist, nicht zum Spiel erschaffen. Hätten Wir uns eine Zerstreuung nehmen wollen, dann hätten Wir sie von Uns aus genommen – wenn Wir das überhaupt hätten tun wollen.“2

Diese Hinwendung zu der eigentlichen Wohnstätte im Jenseits mildert das Unglück und ist für den Gläubigen ein Zeichen der Prüfung und die Zeit für Reue. Nursi untermauert seine These damit, dass jede irdische vergängliche Minute im Leid so angerechnet wird, wie als ob man einen Tag Gott angebetet hätte.3

Der Prophet Hiob klagt Gott nicht an. Er ist sich bewusst, dass all dies von seinem Schöpfer kommt und er auf die Probe gestellt wird. Die Jahre, die er in Wohlstand und Gesundheit gelebt hat, waren für ihn Grund genug dankbar zu sein. Dass er plötzlich alles verlor, brachte ihn vom Weg der Dankbarkeit nicht ab. Der materielle und gesundheitliche Verlust ist im Vergleich zum Glaubensverlust von geringer Bedeutung. Das ganze Leid hätte ihm vielleicht das irdische Leben kosten können. Jedoch der Zweifel an Gott und an eine Anklage gegen Ihn, kann eine ewige Strafe nach sich ziehen.

Hiob fungiert hier als ein Sprachrohr bzw. als ein Vermittler, der nicht anklagt, sondern, einem Propheten würdig, aufrichtig, rein und selbstlos, Gott anbetet. Hiobs Befürchtung ist nicht sein körperliches Wohlergehen, sondern vielmehr die Verhinderung und Verminderung seiner Anbetung durch die Krankheit.4

Aus der Deutungsperspektive des Autors der untersuchten Abhandlung wird Hiob zum Musterschüler Gottes. Trotz allen Wehleidens sitzt Gott nicht auf der Anklagebank, sondern Hiob wird zum Übermittler der Botschaft, der zufolge das materielle Leid mitsamt Krankheiten und Katastrophen kein Verlust im Vergleich zum Verlust einer ewigen Glückseligkeit ist – unter der Bedingung dies im Lichte des Glaubens zu betrachten. Für Nursi wäre dies ein wirkliches Unglück.

Leiderfahrungen geben dem Menschen auch eine Dynamik; sie befreien den Menschen aus einer Monotonie.5 Damit wird Hiob zu einem Propheten, zu einem Menschen, der keine Klagelieder ertönen lässt, sondern Lobeshymnen singt.

Der Mensch als Diener Gottes

In einem Qur’ānvers wird sehr deutlich auf die Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens geantwortet:

„Und Ich habe die Djinn und die Menschen nur dazu erschaffen, daß sie Mir dienen.6

Der Mensch als ein Diener Gottes, ausgestattet mit einem freien Willen, ist imstande auch gegen Gott zu rebellieren und aufzubegehren. Hiob sieht sich nicht nur als ein Prophet, sondern als ein ergebener Diener Gottes. Ein Diener dient seinem Herren, der ihn mit sehr großen Gunstbeweisen ausgestattet hat.

Interessant ist, dass Nursi sehr oft mit Analogien und Vergleichen arbeitet; das diesseitige Haus wird als ein Dienstgebäude angesehen, als ein Diensthaus, in dem der Mensch als ein ‚Beamter Gottes‘ seinen Dienst, d. h. seine Anbetung, verrichten soll.

Der Mensch ist nicht in der Position Gott anzuklagen, ihm wurde das Dasein gewährt und ein freier Wille verliehen. Das Leben ist als ein Gut anzusehen, das ihm die Möglichkeit gibt, Gott anzubeten. Die andauernden Verluste, Trennungen und Leiderfahrungen sind Elemente, die dem Menschen zeigen sollen, dass diese irdische Stätte nicht ewig ist. Der Mensch ist nicht der wahre Eigentümer, sondern Gott. Er ist derjenige, der über sein Eigentum verfügen kann wie er will. Durch seinen freien Willen und seiner Vernunft ist der Mensch für diese Gottesgaben verantwortlich.7 Die Eigenschaften eines Dieners resultieren aus seiner reinen, aufrichtigen und nur um Gottes willen praktizierten Anbetung.8 Hiob spiegelt hier die reine Anbetung wider. Er sieht das Leid als ein Teil seiner Dienerschaft.

 

Die Erde als Prüfungsort

Wie viele muslimische Gelehrte sieht auch Nursi entsprechend dem Qur’ān9 die Erde als eine Prüfungsstätte. Der Mensch hat die Chance bekommen auf der Erde als ein Diener Gottes an dieser Prüfung teilzunehmen. Da ein Ort der Prüfung nicht ein Ort der Ruhestätte ist, kommen an diesem Ort Krankheiten, Unglücksfälle und Leid ins Spiel.

Die Anbetung Gottes teilt er in zwei Kategorien: Das eine ist die positive Anbetung, die der Gläubige durch rituelle Gebete, Bittgebete und Gottesdienst erfüllt. Die andere ist die negative Anbetung, damit ist das Ertragen und Erdulden ungünstiger Umstände gemeint. Zu dieser Form von Anbetung zählt jedwedes Leid, die der Mensch im Laufe seines Lebens erleidet. Durch diese Art der Anbetung lernt der Mensch sich besser kennen. Er sieht ein, dass er hilflos ist, und erkennt somit seinen Zufluchtsort. Diese Anbetung ist rein und nicht heuchlerisch. In dieser Situation konzentriert er sich auf das Wesentliche. Der Kern der Dienerschaft enthüllt sich somit. Jede Minute im Leid, mit der Bedingung, dass der Leidende geduldig und in Dankbarkeit ausharrt, wird vom Schöpfer im Jenseits belohnt.10

 

Leid als Ermahnung Gottes

Diese Leiderfahrung dient u. a. dazu die spirituellen Stufen durch die Prüfung zu erhöhen. Hier dient Hiob als Beispiel, wie der gläubige Mensch das Leid deuten kann, nämlich als Mahnung und Reinigung der Sünden.

Nursi führt am Beispiel Hiobs aus, dass das Unglück und Krankheiten den unachtsamen Menschen wachrütteln können.11 Hinter manchem Leid könnte sich eine Warnung des Barmherzigen verbergen. Er erwähnt das Beispiel mit einem Hirten, der einen Stein nach einem Schaf wirft, das im Begriff ist, auf einem fremden Weideland zu grasen. Das Schaf versteht, dass der Stein dazu dient, ihn vom Verbotenen fernzuhalten. Auch wenn es ein wenig gelitten hat, so wurde er davon bewahrt eventuell einen größeren Schaden zu erleiden. Mit diesem Vergleich versucht Nursi zu erklären, dass das Leiden die Sünden reinigt und diverse Schicksalsschläge von größerem Unglück bewahrt haben könnten. Das Schlimmste, was einem widerfahren könne, ist laut Nursi, sich vom Schöpfer abzuwenden und ihn anzuklagen.

Er geht von der Prämisse aus, dass solange der gläubige Mensch von der absoluten Herrschaft Gottes ausgeht, er die Leiderfahrungen annehmen muss. In dem Moment entspricht es auch Seiner Weisheit. Leid ist in der Lage dem Menschen ein Lebenssinn zu geben.

Für Nursi sind Unglück und Krankheiten kein wahres Leid, sondern der Angriff auf den Glauben ist Leid, da der Mensch ohne Glauben im Jenseits sein ewiges Leben verlieren kann.

Hiob ist eine Leitfigur; durch sein Gottesvertrauen hat er trotz widriger Umstände seine ewige Glückseligkeit bewahrt.12 Dies ist seine Lektion aus der Geschichte.

 

Der Mensch als ein Ort der Manifestation der Namen Gottes

„Gott gehören die schönsten Namen…“13

Nursi erwähnt an einer anderen Stelle, dass jedes Ding, ob materiell oder immateriell, das Ergebnis der Manifestationen der Namen und Attribute Gottes ist. Die Wahrheit allen Seins stützt sich auf diese Namen.14 Der Mensch wird zu einem Spiegelbild, der die Namen Gottes reflektiert. Ein Buch zum Beispiel weist auf einen Autor hin, der Wissen, Willen und Kraft hat. Durch diese Eigenschaften ist ein Autor imstande ein Buch zu schreiben. So wird der ganze Kosmos zu einem Reflexionsraum der Namen und Attribute Gottes.15 Die ganze Versorgung im Kosmos weist auf seinen Namen „der Allversorger“ (ar-Razzāq) hin, und der Name „der Heilende“(aš-Šāfī‛) versorgt die Kranken und ist eine Quelle für vielfältige Heilmittel. Denn der Forscher bedient sich aus der Apotheke namens Erde, die vom Heilenden erschaffen wurde.16 Nursi ist in seiner Sprache sehr metaphorisch und versucht dadurch abstrakte Wahrheiten zu konkretisieren.

Er sieht den Menschen als ein Modell Gottes. Gott hat diesem Menschen einen Körper gleich einem Kleid angezogen. Dadurch ist Gott der Künstler, der an diesem Modell seine Kunst zeigt. Er ist wie ein Schneider, der das Kleid zu Recht schneidet, verändert, kürzt, verlängert und umformt.17 Der Mensch dient hier als ein Mikrokosmos, der permanent unter Veränderungen steht. So wie der Makrokosmos stetig sich verändert und somit Gottes Namen präsentiert, so ist der Mensch als ein kleines Abbild imstande Gottes Namen zu reflektieren.18 Durch seinen Namen „der Heilende“ genesen viele Kranke, und Kranke, die nicht auf der Erde Genesung finden, werden für ihre Geduld im Jenseits belohnt. Das Durstgefühl ist ein Indiz dafür, dass es auf der Erde Wasser gibt oder das Hungergefühl weist auf die Nahrung hin. Die Schwäche und Bedürftigkeit des Menschen weisen darauf hin, dass es einen allmächtigen und allbarmherzigen Gott gibt,19 der ihn versorgt, beschützt und ihn nicht in Stich lassen wird. Diese Art der Deutung zeigt dem Menschen, dass er Gott absolut vertrauen kann. Der Mensch hat vom Schöpfer ein Lebenskapital bekommen, um auf dieser Erde ‚Handel zu treiben‘ und für sein ewiges Glück zu arbeiten.20

Um bei diesem Vergleich zu bleiben; er erwähnt an einer anderen Stelle, dass der Schmerz und das Unglück einen Teil seiner Namen erkennen lassen. Der Designer, der das Kleid beliebig verändert, steht für Gott, der den Menschen mit einem Körper ausstattet, den Er mit Sinnen wie Augen, Ohren und mit Verstand und Herz geschmückt hat, um seine Namen zu demonstrieren.

Somit ist Er auch befugt, den Menschen unter den verschiedensten Umständen und Situation zu prüfen.21

 

Entwicklung moralischer Stärken: Geduld und Gottesvertrauen (tawakkul)

Der Autor sieht die Krankheit und damit verbunden das Leid als eine Chance moralische Stärke zu entwickeln. Ein Leben, in dem es kein Leid gibt, führt den Menschen aufgrund der Gesundheit und Bequemlichkeit zur Gottvergessenheit. Er sieht die Gleichgültigkeit gegenüber Gott als das größte Unglück.22 Der Mensch möchte nicht an Verlust, Trennung und Tod erinnert werden. Das ihm gegebene Kapital will er nach seinem Gutdünken ausgeben, doch Krankheiten und Katastrophen öffnen ihm die Augen und sprechen zu ihm:

„Du bist nicht unsterblich, nicht ungebunden, du hast eine Aufgabe. Lass deinen Stolz! Denke an den, der dich geschaffen! Wisse, dass du ins Grab steigen wirst! Bereite dich also darauf vor!“23

Übel und Leid müssen nach seiner Sicht keine negativen Seiten haben. Leid kann demnach Tugend hervorbringen, d. h. Solidarität, Mitgefühl, Mut usw. fördern. Jemandem verzeihen zu können, bedarf einer Schuld. Gegensätze geben uns eine Art Orientierung. Hässliches lässt uns die Schönheit erkennen.24

Eine Welt, die herausfordert, fördert den Menschen über sich hinauszugehen, Grenzen zu überschreiten, seine Fähigkeiten zu entfalten; das in ihm immanente Potenzial wird durch das Leid realisiert. Der Mensch ist ein ambivalentes Wesen, das animalisches und erhabenes in sich vereint. Seine Selbstsucht steht ihm meistens im Weg. Durch Befolgung seiner Selbstsucht richtet er auf der Erde großen Schaden an. Er ist durch seinen Edelmut gefordert, diesen moralischen Schaden abzuwenden. Durch das Beobachten von Leid ist der Mensch imstande seine Stärken zu aktivieren, somit gefordert solidarisch und selbstopfernd für eine gerechte Gesellschaft einzutreten. Der Mensch ist durch seinen freien Willen motiviert das Leid, das insbesondere durch Unmenschlichkeit entsteht, zu unterbinden. 

  1. Koran 21:83.
  2. Koran 2:15-16.
  3. Vgl. Nursi: Blitze, S. 17.
  4. Vgl. Nursi: Ebd, S.16.
  5. Vgl. Nursi: Ebd, S. 14.
  6. Siehe Koran 21:35.
  7. Vgl. Nursi: Ebd, S. 17.
  8. Vgl. Nursi: Ebd, S. 20.
  9. Vgl. Nursi: Ebd, S. 14.
  10. Koran 7: 180.
  11. Vgl. Nursi: Worte, S.1128.
  12. Vgl. Nursi, Worte, S.577.
  13. Vgl. Nursi: Stab Mosis, S. 33.
  14. Vgl. Nursi: Blitze, S. 16.
  15. Vgl. Nursi: Worte, S. 1129.
  16. Vgl. Nursi: Blitze, S. 23 ff.
  17. Vgl. Nursi: Ebd, S. 411.
  18. Vgl. Nursi: Ebd, S. 413.
  19. Vgl. Nursi: Blitze, S. 413.
  20. Nursi: Blitze, S. 412.
  21. Vgl. Nursi: Harmonie des Lichts (2011), S. 358.